Dass es bei der Wahl eines Denkmals nicht immer friedlich zugeht zeigt das Mahnmal „Hexenwahn“ von Axel Gundrum, einem Deutscher Maler, Grafiker und Bildhauer (*1953). Die Realisierung von Gundrums Gemälde hat Osnabrück sehr polarisiert. Viele Menschen bemängelten die historischen Ungenauigkeit des Werks. Die katholische Kirche wurde zunächst in den Entwürfen des Mahnmals „Hexenwahn“ als alleiniger Verursacher der Hexenverfolgung dargestellt, weil ein Kardinal auf einem Podest thront und das ganze Bildgeschehen zu beherrschen scheint, zu dem ein Dominikaner bei der Wasserprobe beteiligt ist und der Dom in der Silhouette des Stadtbildes am stärksten hervortritt. Darauf hin gab es viele öffentliche Diskussionen und Debatten, die den Zustand der katholischen Kirche als Prototyp der Unterdrückung nicht akzeptieren wollten.
Exkurs Hexenverfolgung in Osnabrück
Wie in der Geschichte der Hexenverfolgung, gab es auch in Osnabrück zwei große Wellen, die sich ebenfalls krisenbedingt ereigneten.
Zum einen 1583 bedingt durch Konfessionswirren und den damaligen Bürgermeister Hammacher, der für die missliche Lebenslage der Menschen (Epidemien, Ernteeinbußen, lange und harte Winter, Plagen und allgemeine Nöte) einen Sündenbock suchte, der es ihm ermöglichte weiter das Zutrauen des Volkes zu bekommen, um seine Position als Bürgermeister zu behalten.
Die zweite große Hexenverfolgungswelle brach 1636 über Osnabrück herein. Zu dieser Zeit waren die Zeiten erneut krisenhaft, jedoch sorgte vor allen Dingen ein Machtkampf zwischen den Bürgermeistern Modemann und Pelzer für die zunehmenden Hexenprozesse. Zudem wehrte sich Osnabrück durch die selbstständig durchgeführten Hexenprozesse gegen die schwedische Besatzungsmacht. Dadurch wird ersichtlich, dass nicht nur Krisen ein Auslöser für die zahlreichen Ermordungen von angeblichen Hexen waren, sondern auch konfessionelle und politische Absichten. Insgesamt wurden in Osnabrück 276 Frauen und 2 Männer als Hexen angeklagt und hingerichtet.
Auch der Standort des Werkes, der eigentlich die Pestalozzischule sein sollte, wurde von dem damaligen Direktor abgelehnt.


(Historische Zeitungsausschnitte, NOZ, Kirche vor Ort, NOZ)
1987 wurde Osnabrück durch eine Mehrheitsregierung der CDU und FDP regiert und aus der Tatsache heraus, dass die Realisierung des Gemäldes innerhalb des Projekts „Kunst in der Stadt“ (KidS, ein Osnabrücker Projekt von 1984- 89 zur Gestaltung öffentlicher Räume) von statten gehen sollte, hatte die Politik das endgültige Entscheidungsrecht. Grundsätzlich war die CDU/ FDP- Regierung sehr zurückhaltend gegenüber dem Gemälde eingestellt, auch nachdem Gundrum einen evangelischen Geistlichen in den Entwurf einarbeitete und das Rathaus in das Stadtbild im Hintergrund einfügte.
Um bei der Entscheidungsfindung voran zu kommen und um auch die historischen Fragen zu klären, wurde 1987 im Haus Ohrbeck eine Tagung mit Kirchenhistorikern veranstaltet. Dabei zeigte sich durch wissenschaftliche Forschungsergebnisse, dass sowohl die katholische Kirche, als auch die evangelische Kirche die Hexenverfolgung initiierten. Aber und vor allen Dingen, hatte die Stadt und der Rat Osnabrück eine erhebliche Beteiligung an den Verfolgungen und Hinrichtungen.
Nachdem diese historischen Informationen bekannt waren, wurde aus der einstigen Zurückhaltung der CDU und FDP eine starke Ablehnung und der Entwurf des Mahnmals wurde mit einer Ratsmehrheit der CDU und FDP abgelehnt. Die FDP lehnte jedoch nur ab, weil sie sich in einem Koalitionsvertrag mit der CDU befand und diese sie unter Druck gesetzt hatte diesen aufzulösen, wenn sie sich für das Gemälde aussprächen.
1991 kam es zu einem politischen Wechsel. Die SPD und die Grünen stellten fortan die Ratsmehrheit und bildeten eine Zählgemeinschaft.
Anlässlich der 350-Jahr-Feier zum Westfälischen Frieden 1998 brachte Gundrum sein Bild wieder in Erinnerung. Im zweiten Versuch wurde sich dem Projekt nun angenommen. Die Begründung der Grünen für das Werk war, dass das Bild hochaktuell sei und nicht eine historische Wahrheit sondern eine Mahnung darstelle. Die SPD begrüßte die Veränderungen die am Bild vorgenommen wurden und sah keine Gründe das Bild abzulehnen. Die CDU lehnte das Bild wiederholt strikt ab. Die FDP, die 11 Jahre zuvor noch eine neutrale Haltung hatte wurde nun am drastischsten: sie verglich das Werk sogar mit Karikaturen aus dem Nazi-Hetzblatt „Der Stürmer“. Im Folgenden wurde die finanzielle Förderung, die sich auch aus Steuergeldern zusammensetzte, diskutiert. Immer mehr Kritiker äußerten sich in offenen Leserbriefen und das Thema wurde in den Medien breitgetreten. Auch die SPD wurde nachdenklicher, jedoch hatte sich das Ganze mittlerweile zu einem Frauenprojekt gewandelt, das in den Händen der feministischen Kräfte innerhalb der Partei lag. Über die Wahrheit wurde nun die Ideologie gesetzt.
Zur Einweihung kam es trotz aller feindlichen Strömungen am 25. Juni 1999. Während dieser versuchte der Oberbürgermeister von Osnabrück die Situation zu entschärfen. Jedoch mag man sich ebenso wie der anwesende Künstler nach den ganzen politischen Auseinandersetzung fragen: Ging es wirklich nur noch um die Schuldfrage der katholischen Kirche oder wurde das Bild nicht vielmehr für politische Zwecke instrumentalisiert?
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| Franziskaner vor Scheiterhaufen mit Hexe |
Was für ein Werk löst solche Streitigkeiten aus?
In der Bildmitte wird der Betrachter mit einem noch nicht brennenden Scheiterhaufen konfrontiert, auf dem sich eine angebliche „Hexe“ befindet. Davor steht ein Mensch, der als Franziskaner zu identifizieren ist. Seine Haltung deutet an, dass er dabei ist mit einem Kreuz auf die „Hexe“ einzuschlagen.
Links daneben thront ein Kardinal auf einem verzierten Podest. Seine Hände ruhen in seinem Schoß. Sein Blick ist geradeaus gerichtet, so dass er der Scheiterhaufenszenerie keinerlei Beachtung schenkt.
Vor dem Podest ist eine Menschengruppe abgebildet, die dabei ist eine so genannte „Wasserprobe mit kaltem Wasser“ durchzuführen. Eine Wasserprobe war innerhalb der Hexenverfolgung eine Methode um festzustellen, ob eine angeklagte Person eine Hexe war oder nicht. Ihre Beine und Arme wurden über kreuz gefesselt und sie wurde in ein Gewässer geworfen. Trieb die Person auf dem Wasser galt dies als Beweis der Hexerei und die Person wurde verurteilt und hingerichtet. Sank die Person auf den Boden des Gewässers, war die Person unschuldig und wurde aus dem Wasser hinaufgezogen.
Oft kam diese Hilfe jedoch zu spät und die Angeklagten ertranken. Innerhalb der Gruppe, die diese Wasserprobe durchführt sind unter anderem ein Dominikaner und, dahinter verdeckt, ein evangelischer Geistlicher zu erkennen (weißer Kragen).
Rechts neben der Scheiterhaufenszene sind einige Personen auszumachen, die die ländliche Bevölkerung darstellen sollen. Ein Mann dieser Landbevölkerung scheint sichtlich unter der androhenden Verbrennung zu leiden, indem er auf dem Boden kauert und fleht. Eine Person der etwas unbeteiligter erscheinenden Landbevölkerung dreht sich zu dem Betrachter um und zeigt mit dem Finger auf ihn, was einer Art Anklage gleich kommt. Frei nach dem Motto „Vielleicht bist du der nächste Angeklagte dieser willkürlichen Tötungsmaschinerie!“
Im Hintergrund links ist ein Arzt oder Helfer bei der Pest zu erkennen. Er trägt eine schnabelförmige Pestmaske und schiebt einen Karren vor sich her. Hinter der ganzen Szenerie erstreckt sich die Silhouette der Stadt Osnabrück, wobei das Rathaus und der Dom zu erkennen sind. Der Dom sticht allerdings stärker hervor als das Rathaus. Im Vordergrund des Wandbildes zeigt sich, dass sich die ganze Szenerie auf einer Art Bühne erstreckt. Vor dieser Bühne befinden sich Felix Nussbaum und eine dunkelhäutige Frau mit Kopftuch.
Axel Gundrum konstruiert seine Werke auch aus Bildzitaten. Im Bühnengraben des Hauptbildes greift er das „Selbstbildnis mit Judenpass“ des Osnabrücker Malers Felix Nussbaum auf. Dieser wurde 1904 geboren und 1944 aufgrund seiner jüdischen Konfession von den Nationalsozialisten in Auschwitz ermordet. Der Bezug zu Nussbaum in Verbindung mit dem Treiben der Hexenverbrennung legt nahe, dass die katholische Kirche auch an der Verfolgung der Juden mitschuldig sei.
Bei dem rechten Nebenwerk wird die Montage noch deutlicher. Den Hintergrund bildet der Straßenzug aus „Die Verdammten“ von Felix Nussbaum, einem Gemälde, das die Hoffnungslosigkeit des unentrinnbaren Todes demonstriert. Zudem wird das einem Brandanschlag zum Opfer fallende Haus aus Solingen eingebaut. Bei der Tat mit rechtsextremem Hintergrund kamen fünf Menschen einer Familie mit türkischer Abstammung ums Leben. Der düstere Hintergrund wird somit aus Verbindungen zu den beiden Figuren im Bühnengraben des Hauptwerkes gebildet. Im Vordergrund befindet sich eine Figurengruppe, bei der die beiden Äußeren die zentrale Figur, in der Darstellung Jesu, verspotten. Der Trikotträger an der linken Seite steht für die politische Rechte und die im Aerobicdress gekleidete Frau für die „oberflächliche Modetussy“. Alle drei werden von einem vorher laufenden Kameramann gefilmt.
Der Übergang von Vergangenheit und Gegenwart stellt die Zeitschleifen dar, die bis in die Zukunft reichen und aufzeigen, dass es Verfolgung und Intoleranz auch heute noch gibt.
Beide Bilder wurden in der Stilrichtung des Realismus in der Tradition von Otto Dix und George Grosz gemalt. Viele Kritiker empfinden dies als Propaganda, da sie der Meinung sind, ihnen würde die Antwort auf die Frage nach den Übeltätern vorgegeben. Liefert das Bild also fertige Klischees und lässt keinen Raum für eigene Auseinandersetzungen?
Gundrum wollte eine gesellschaftspolitische und kritische Position beziehen und war der Meinung die Distanz zu den geschichtlichen Hintergründen sei mittlerweile ausreichend. An das Bild dürfe nicht ,die Frage der historischen Wahrheit gestellt werden“ , sondern wichtiger seien „die Verbindungen zu heutigen Formen der Diskriminierung“. Aus diesem Grund sollte man „Hexenwahn“ eher als eine Art „Passionsspiel“ begreifen, das Zeit übergreifend gültig ist. Normalerweise profitieren Städte durch das Marketing von Kunst im öffentlichen Raum. Allerdings zeichnete sich durch das polarisierende Werk schon früh eine Tabuisierung ab. Bei den jährlichen Stadtrundgängen zum Thema „Hexenverbrennung“ werden die Bilder Gundrums bis heute nicht beachtet, wenn nicht sogar absichtlich ausgeschlossen. Dabei könnten sie den Höhepunkt des Rundgangs bilden.
Teresa Heilen, Katharina Glose und Bianca Tiemann
für ERINNERN UND VERGESSEN
Quellen: Sekundärliteratur: Kuropka, Joachim (Hg.): Regionale Geschichtskultur: Phänomene- Projekte- Probleme aus Niedersachsen, Westfalen, Tschechien, Lettland, Ungran, Rumänien und Polen. Münster: Lit Verlag, 2010.
Internetquellen im Fließtext
+ als Exkurs eine amtliche Vorlage der Stadt Osnabrück (Vorlage - VO/2013/2133)
zur Rehabilitierung der verfolgten und ermordeten Hexen aus dem Jahre 2013.
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Mit Beschluss des Rates der Stadt Osnabrück vom 30.07.2012 wurde die Verwaltung gebeten, Vorschläge für ein angemessenes Gedenken an die als Hexen verfolgten und hingerichteten Osnabrücker Bürgerinnen und Bürger zu machen, um damit einen Beitrag zur Wiederherstellung ihrer Ehre zu leisten.





