Montag, 2. September 2013

Das Ebert-Erzberger-Rathenau-Denkmal



In der Nähe des Iduna-Hochhauses, zwischen dem Herrenteichswall und dem Erich-Maria-Remarque-Ring findet man ein kleines Bauwerk aus roten Klinkersteinen. Eine schwarze Tafel daran nennt die drei Namen: „Ebert, Erzberger, Rathenau“. Bei diesem gerne übersehenen Bauwerk handelt es sich um das geschichtsträchtige Ebert-Erzberger-Rathenau-Denkmal. Dieses soll den drei namensgebenden Politikern, dem Sozialdemokraten Friedrich Ebert (1871 –1925), dem Zentrumspolitiker Matthias Erzberger (1875 –1921) und dem Mitglied der Deutschen Demokratischen Partei, Walther Rathenau (1867–1922), gedenken.

Model im Felix Nussbaum Haus
ebenda. Vorderansicht mit Inschriften



Für die Errichtung des Denkmals zeichnet sich die Osnabrücker Ortsgruppe des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, kurz Reichsbanner, aus. Das Reichsbanner wurde 1924 während der Zeit der Weimarer Republik unter anderem von der SPD gegründet. Mit dem Denkmal sollte den Symbolfiguren ihres Ideals der Republik ein Denkmal gesetzt werden. Die drei Politiker Ebert, Erzberger und Rathenau, die ihren Einsatz für die Republik mit ihrem Leben bezahlt hatten, eigneten sich im besonders zur Verkörperung des republikanischen Ideals durch ihre Zugehörigkeit zu den drei Parteien der Weimarer Koalitionen. Die Osnabrücker Kreisorganisation wurde Träger des Denkmals und die einzelnen Kreisorte verpflichteten sich den Bau des Denkmals finanziell zu unterstützen. Zunächst hatte sich das Reichsbanner um einen Standpunkt direkt auf dem Wall bemüht, dieser wurde jedoch verwehrt, da viele Mitglieder im Bürgervorsteherkolleg republikfeindlich eingestellt waren und nun wurde das Denkmal zum Aufgang auf den Herrenteichwall, gegenüber der Einmündung zur Karlsstraße errichtet. Justus Haarmann hob aber in einem Brief die Vorzüge des zugewiesen Standorts aus verkehrstechnischer Sicht hervor:

„Sie sind dem modernen Leben nicht entrückt, sondern stehen sozusagen noch mittendrin. So ist der Platz (…) vorzüglich geeignet, weil er vom Verkehr umgeben und doch diesem entzogen ist.“

In einem Zeitungsartikel wird der Platz allerdings als ungepflegter Acker statt eines würdevollen Rahmens für einen Ehrendenkmal beschrieben.

Die Grundsteinlegung erfolgte am 1. Juli 1928 wodurch das Denkmal hoch politische Bedeutung erlangte, da seine Errichtung in die Zeit des Wahlkampfes der SPD fällt (1928 waren Neuwahlen). Über 150 Anhänger des Reichsbanners und eine ansehnliche Menge Zuschauer waren hierbei anwesend. Die Feier wurde immer wieder von Zwischenrufen aus dem Nationalsozialistischen Lager gestört. Die Anwesenheit bei der Einweihungsfeier wurde bei allen Teilnehmern als eindeutige Parteinahme verstanden. Somit waren auch viele Behördenvertreter anwesend, der Magistrat von Osnabrück sandte jedoch keinen Repräsentanten zur Einweihung. Ebenso fehlte die Reichswehr.

Wie aus einer Rede hervorgeht, liegt für Generalsekretär Vogel die primäre Aufgabe des Denkmals im Erinnern an die drei Persönlichkeiten. Auf die Form des Denkmals wurde lediglich nur in einer Rede eingegangen. Das Denkmal wurde, trotz seiner Bedeutung als Symbol für den republikanischen Gedanken, stets nur personenbezogen betrachtet. Die abstrakte Form erscheint in diesem Kontext eher als künstlerisches Beiwerk, dessen Modernität jedoch ein Bekenntnis zum Reformwillen darstellt. Lediglich der Reichstagsabgeordnete Hermann Tempel verweist darauf, dass das Denkmal in seiner Einfachheit und Schlichtheit das Wesen des neuen Staates symbolisiert.

In Wahrheit war die Weimarer Republik ein in sich zerrissenes Gebilde, welches von einer starken Opposition mit aller Härte bekämpft wurde. Das Denkmal kann vor diesem Hintergrund nur als verzweifelter Versuch angesehen werden, ein sich schon im Niedergang befindliches Ideal zu beschwören, wobei es 1928 bei einer weniger idealistischen Einstellung zur Republik schon zu spät war. Die Initiierung der Feierlichkeiten bekundet, dass der große Rahmen der Einweihung zur Selbstdarstellung und der Demonstration der oft beschworenen Werte der Solidarität der Demokraten dienen sollte.

Das Denkmal sollte über eine größtmögliche Breitenwirkung verfügen, sowie ein Bekenntnis zur bestehenden Staatsform darstellen. Diese konnte auf Grund der Zerrissenheit im Grunde nur noch bei einzelnen Gruppen der Gesellschaft vorausgesetzt werden.

Deshalb sollte das Denkmal auch an die Moral der Andersdenkenden appellieren. Haarmann befand sich in der Konfliktsituation sich nicht auf eine allseits legitimierte Denkmalspraxis berufen zu können, sondern etwas völlig Neues schaffen zu müssen, das explizit der persönlichen Auffassung seiner Aufgabe entsprach.

Daher entschied er sich für eine Gestaltungsform, die dem angenommen republikanischen Zeitgeist entsprach. Sachlichkeit und Schlichtheit galten als Ausdruck dieser Epoche.



Somit setzt sich das Denkmal im Wesentlichen aus drei Teilen zusammen: Sockel, Kubus und schneidender Kurve. Der Kubus hat auf Grund der Marmortafel eine entscheidende Bedeutung. So wirkt er besonders schlicht in Hinblick auf Form und Material. Der Mauergrund verschafft dem Kubus zusätzlich die Ausdruckskraft eines von Menschenhand geschaffen Objektes, das sprichwörtlich in handwerklicher Arbeit Stein um Stein errichtet wurde, denn Klinker symbolisiert eine bodenständige Gesinnung und weiterhin haben Gebäude aus Klinker den Charakter des echten, persönlichen, originalen, des Urgesteins, des neuen Gedankens. Dies könnte in Verbindung zu einer Aussagemöglichkeit mit den Verdiensten der drei Politiker um den Aufbau der Weimarer Republik stehen, da die Mauerung als Sinnbild der Arbeit an der Republik verstanden werden kann. Die Kurve soll Weiterleben, Verheißung, Sieg und Freude assoziieren. Ein versinnbildlichter Prozess, der dem Aufbau der Republik analog erscheint.

Justus Haarmann weißt der Form die gleiche Bedeutung wie der Namestafel zu. Kubus und Kurve sind beide architektonische Stützformen, erfahren jedoch im Kontext des Denkmals eine Umkehrung ihrer ursprünglichen Funktion. So erinnert die Kurve an einen Strebepfeiler, der normalerweise dazu dient ein Gewölbe oder eine Wand zu stützen. Doch in diesem Denkmal wird diese Grundform selbst gestützt, sie hat aber zugleich auch ein aktives Element, sie übernimmt die Funktion des zu Schützenden weil sie sich über den Kubus legt. Der Kubus könnte den Staat als historischen Prozess versinnbildlichen, in dem durch die Materialwahl Sandstein, Klinker, Beton diese Kontinuität konkretisiert wird. Schlichtheit und Sachlichkeit in Form und Material des Werkes versinnbildlichen das Wesen des Staates. Beide Teile ergänzen sich, ohne dass eine die dominierende Position übernimmt. Die republikanischen Wertvorstellungen ließen sich so auf dieses Muster der architektonischen Beziehungen beider Teile übertragen.

Die sorgfältige Materialwahl repräsentiert die Stufen eines kontinuierlichen Arbeitsprozesses. So besteht der Sockel aus Naturstein und erhält nur durch eine intensive Bearbeitung die gewünschte Form. Der Klinker hingegen ist ein Material, das erst durch intensive Bearbeitung entsteht. Der Beton stellt schließlich den letzten Stand der technischen Möglichkeiten auf dem Gebiet der Materialgewinnung dar. Durch den weißen Anstricht erhält der Beton schließlich den Ausdruck der Vollendung. Er steht im Gegensatz zum Klinker der immer ein Eigenleben hat. Es erfolgt eine Verbindung von Althergebrachten und Solidem.

Das Schicksal des jungen Denkmals war auch schon bald besiegelt, als am 12. Mai 1933 ein Dringlichkeitsantrag im neugewählten Bürgervorsteher-Kollegium eingebracht wurde, um den „Stein des Anstoßes“ abzureißen. Kurz darauf erfolgte der Abriss des Ebert-Erzberger-Rathenau-Denkmals unter Mithilfe von SA-Männern. Die Osnabrücker Zeitung erinnert 1936 daran, „daß dieses „etwas merkwürdige Denkmal zur Verherrlichung einstiger Schwarzrotgoldener Systemgrößen“, viel lokalen Krieg heraufbeschworen habe.“ In der Folgezeit gerät das Denkmal in Vergessenheit. Erst enorme Zeit später kam den Osnabrückern das Denkmal wieder in Erinnerung und so befürworten 1980 alle Fraktionen des Osnabrücker Stadtrates den von der CDU eingereichten Antrag an der Stelle des Denkmals einen Gedenkstein zu errichten.

1983 wurde allerdings darüber hinausgehend mit dem Wiederaufbau des ursprünglichen Denkmals begonnen und noch im selben Jahr erfolgte die die Einweihung. 2012 wurde eine Erläuterungstafel angebracht.

Zum Schluss bleiben noch einige Überlegungen offen. Drei Jahre nach dem Tod von Friedrich Ebert fällt die Errichtung des Denkmals in die Phase der Weimarer Republik (1924-28), in der das Vertrauen in die Sozialdemokraten derart erschüttert war, so dass diese keinen Anteil mehr an der Regierung ausübten. Zudem lag die Gründung des Reichsbanners vier Jahre zurück. Es liegt also nahe, dass es bei der Errichtung des Denkmals nicht nur um das Gedenken der drei Politiker und ihrer Verdienste um die Weimarer Republik ging.

Es ging 1928 bereits um das Überleben der demokratischen Strukturen selbst. Die Morde vom rechten Rand der Republik hatten das Zentrum des politischen Bewustseins in den bürgerkriegsähnlichen Zuständen der Auseinandersetzungen zwischen Nationalsozialisten und Kommunisten schon soweit beeindruckt und verschoben, dass es nicht gelingt, zum Gedenken an die ermordeten Politiker eine Form zu finden, die einen parteiübergreifenden Konsens ausdrücken konnte. So konnte die Reichswehr ungestraft zur Denkmalseinweihung fehlen, obwohl u.a. mit dem Reichspräsidenten Ebert einer zentralen Figur der Weimarer Republik gedacht werden sollte.

Sowohl Erzberger als auch Ebert galten dem rechten Rand als "Novemberverbrecher", die den "Schandfrieden von Versailles" unterzeichnet hatten und im besonderen Ebert dem linken Rand wiederum als Mörder und Verräter, der mit der Reichswehr auf aufständische Sozialisten hatten lassen. Die Republik fand keine Identifikationsfiguren oder zentralen Erinnerungsorte, an denen man sich einig hätte versammeln können. An der Auseinandersetzung um das Ebert-Erzberger-Rathenau Denkmal in Osnabrück kann man exemplarisch zeigen.

In der öffentlichen Wahrnehmung gelingt es dem Reichsbanner nicht, ein Denkmal zu errichten, welches die tiefen Gräben und Konflikte der Weimarer Republik überwinden kann, um die Demokratie gegen ihre Feinde verteidigen zu können. Es wird als ein Propagandawerk wahrgenommen und mit dem Verdacht belegt, es handele sich um eine blosse Image Kampagne des Reichsbanner. Und so wird das Ebert-Erzberger-Rathenau-Denkmal ein Denkmal nur für die Mitglieder der dem Reichsbanner nahestehenden, und deren Gründungsparteien, sowie Opfern der politischen Feinde des Reichsbanners.

Die Erinnerung spaltet auch über den tragischen Tod und die Ermordung der Protagonisten der Weimarer Republik hinaus. Kein Denkmal wird die Republik erfinden, was ihre Grundfeste zu einigen versteht.

Der Osnabrücker Versuch dazu steht noch heute am Ring - eher unscheinbar und übersehen - an einer Umgehungsstraße und damit dezentral, periphär - allerdings wiederaufgebaut!

Als ein doppeltes Mahnmal für das Scheitern der Erinnerung von 1928 und als ein Zeichen des Respektes gegenüber den Ermordeten als eine Erneuerung der Erinnerung 50 Jahre nach seiner Zerstörung.

Gelingt das? Kann man damit etwas rückgängig machen?

Reichte dafür nicht eine einfache Tafel, die an ein zerstörtes Bauwerk erinnert, wie das zunächst auch geplant war?

Erfüllt das Denkmal seinen Zweck der Erinnerung oder wirkt es wie ein abgestelltes Ding aus Klinker, Stein und Beton am Sraßenrand? Inwiefern ist die Formensprache des im Stile der Neuen Sachlichkeit gebauten Denkmals heute ebenso unverstanden wie 1928?

Janna Krüger, Nils Klokkers und Daniel Brinkmann
für ERINNERN UND VERGESSEN

Quellen:
Frankmöller, Ingeborg: Das Ebert-Erzberger-Rathenau-Denkmal in Osnabrück, Osnabrück 1982.
Lindemann, Ilsetraut: In Erz gegossen, in Stein gehauen, Osnabrücker Denkmäler, Bramsche 1982.

1 Kommentar:

  1. Durchdachte, kunstvolle Architektur oder doch nur unnützes Beiwerk zu einer Gedenktafel? Was meint ihr?

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